
In der Kirche wird gelacht
THE FRESHMAN (USA 1925), ein Stummfilm von Fred C. Newmeyer und Sam Taylor mit Harold Llyod in der Hauptrolle. Dazu spielt Alexander Pointner Orgel. Foto: Pathé Exchange
Kino in Miesbach
Die „Wünning“-Orgel in der Apostelkirche Miesbach feiert in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag. Ein Grund mehr, sich einen Stummfilm anzuschauen. Wie das zusammenhängt?
Wer heute Abend noch nichts vorhat, sollte der Apostelkirche in Miesbach unbedingt einen Besuch abstatten: Ab 20 Uhr begleitet der Organist Alexander Pointner dort live an der „Wünning“-Orgel die Stummfilmkomödie THE FRESHMAN (dt. Titel: DER SPORTSTUDENT) mit Harold Llyod in der Hauptrolle des Harold „Speedy“ Lamb, der es als Neuzugang am College zunächst schwer hat. Der Plot mitsamt Happy End wäre schnell erzählt, wenn es nicht – wie so oft beim Stummfilm – weniger um die Geschichte ginge als vielmehr um das über alle Worte erhabene Schwarz-Weiß-Bild, das der Inbegriff von Kino ist, und den Witz, der, zeitlos lustig, sich allem voran dem höchst präzisen Stummfilmschauspiel verdankt.
Kurz, es geht nicht um die Geschichte, die man nacherzählen sollte, es geht um das filmische Spektakel, das man sich anschauen muss. Wem das noch nicht genug Argument ist, um seine Freitagabendpläne umzuwerfen, den lässt vielleicht die Tatsache nicht kalt, dass das American Film Institute die Komödie auf dem 79. Platz der „100 Funniest American Movies of All Time“ listet. Und wann hat man schon mal die Gelegenheit, einen Stummfilm aus dem Jahr 1925 im Jahr 2025 musikalisch begleitet zu hören, noch dazu mit einer Begleitung, die live zum Film improvisiert wird?
Ein alter Mann am Klavier
Kirchenmusiker und Stummfilmpianist Alexander Pointner hat sich im Laufe der letzten Jahre in Miesbach eine eigene Fangemeinde aufgebaut. Pointner, selbst ein erklärter „Stummfilm-Fan seit über 40 Jahren“, verrät, wie er zum Stummfilm gekommen ist: „Als Schüler lebte ich in Regensburg. Nahe der Schule gab es ein Programmkino. In den 80er Jahren wurde dort einmal im Monat ein Stummfilm mit Klavierbegleitung gezeigt. Am Klavier spielte ein alter Mann ganz wunderbar. Als ich ihn ansprach, erzählte er mir, er hätte noch bis in die 1930er-Jahre bei den Stummfilmen Klavier gespielt!“
Bildschirm statt Partitur: Alexander Pointner improvisiert an der Orgel. Foto: Andrea Reents
Alexander Pointner begleitete mehr als 30 Stummfilme
Alexander Pointner, der als Schüler bereits Orgel spielen konnte, später ein Kirchenmusikstudium an der HMTM aufnahm und ein musikwissenschaftliches Studium an der LMU abschloss, ging schließlich bei dem Filmkomponisten Enjott Schneider in die Lehre und lernte, wie er Filme verschiedener Genres musikalisch begleiten oder dazu improvisieren konnte. 2008 habe er seinen ersten Stummfilm an der Orgel begleitet: „Ich begann zuerst nur mit religiösen oder sehr ernsten Filmen. Doch bald wollten die Zuschauer, die von anfangs 30 auf über 100 pro Film angewachsen waren, auch lustige Filme sehen“, erzählt Alexander Pointner. Mittlerweile habe er mehr als 30 verschiedene Stummfilme mit improvisierter Musik begleitet.
Kino in der Kirche: In der Apostelkirche Miesbach wird THE FRESHMAN gezeigt. Foto: Ines Wagner
„Die Filme von Charlie Chaplin darf man nur mit dessen eigener Musik spielen“, erklärt der erfahrene Stummfilmpianist, „aber Buster Keaton oder auch Harold Lloyd haben so großartige Filme gemacht, da kann man leicht Musik dazu improvisieren.“ Leicht? Etwa zwanzig Mal habe er sich den Film vorher angesehen und die Musik dazu entwickelt. Wer sich heute Abend die 76-minütige Improvisation zum Film aufmerksam anhört, hat zudem das Vergnügen, zu versuchen, einige der musikalischen Themen herauszuhören, die der Musiker in seine Improvisation einbaut, zum Beispiel das Siegfried-Leitmotiv von Wagner oder den Triumphmarsch von Verdi. Schwer? Wär‘ doch gelacht!
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