Loserville

Wenn Nerds die Zukunft verändern – und dabei die Bühne rocken!

Beim Eröffnungssong von „Loserville“  „Die Zukunft fängt schon an – Alles neu, alles digital, was für ein Potential!“ bekommt das Publikum einen ersten Eindruck von der beachtlichen Größe des Ensembles. Foto: DS

Musical am Gymnasium Miesbach

Mit Energie, Witz und einer starken Ensemble-Leistung bringen über 100 engagierte Schülerinnen und Schüler des Miesbacher Gymnasiums das Musical „Loserville“ in einer mitreißenden Inszenierung auf die Bühne. In insgesamt vier Aufführungen entführen sie das Publikum in die bunten 1970er-Jahre – eine Zeit, in der das digitale Zeitalter noch Zukunftsmusik war und die Erfindung der E-Mail kurz bevorstand. KulturVision war bei der Vorpremiere dabei, die eine Woche später als ursprünglich geplant stattfand.


Der über 40-köpfige Chor ist nicht nur akustisches Beiwerk, sondern steht wie die Solisten im Vordergrund der Inszenierung. Zudem lässt er die bunten Seventies wieder aufleben, teilweise kommen sogar Original-70er-Klamotten zum Einsatz. Foto: DS

Vom West End auf die Schultheater-Bühne

Jugendliche von heute sind längst Digital Natives. Der Computer ist kein Ungetüm auf dem Schreibtisch mehr, sondern steckt in der Hosentasche oder hängt an einer schicken Schnur um den Hals. In den frühen Siebzigern war das freilich noch anders. Doch die Zukunft fängt schon an.

Bereits beim gleichnamigen Eröffnungssong quillt die Bühne der Aula des Miesbacher Gymnasiums förmlich über mit dem großen Chor und den Hauptdarstellern von „Loserville“, einem britischen Musical, geschrieben von James Bourne und Elliot Davis. Es basiert auf dem Album Welcome to Loserville von Bournes Pop-Punk-Band Son of Dork und hatte 2012 Premiere im Londoner West End.


v.l. Michael Dork (Bastian Pfeiffer) und seine „Geek-Crew“ mit Lucas (Antonio Carvalho), Francis (Kjell Fritzenwenger) und Marvin (Kilian Wimmer). Foto: DS

In der Miesbacher Inszenierung von 2025 wird allerdings Deutsch gesprochen und gesungen – laut Regisseur Martin Moßbacher eine Vorgabe der Lizenzgeber. Das macht ein paar Songzeilen tatsächlich leicht sperrig, aber der Chor und die Solisten lösen das ziemlich gut, was die Coming-of-Age-Story auch für alle Generationen verständlich macht.

Nerds versus Popular Kids

Doch zurück zur Zukunft. Die liegt 1971 ganz nah, mit der Erfindung der E-Mail. Teenager Michael Dork (Bastian Pfeiffer) arbeitet bei Arch Systems an einer Kommunikation zwischen Computern. Als er dafür das Sicherheitssystem der Firma hackt, wird er nicht nur von seinem Nebenjob gefeuert, sondern darf auch nicht mehr in den Computerraum seiner Schule. Für einen Nerd wie ihn – neuerdings auch „Geek“ (engl. Streber) genannt – quasi die Höchststrafe.

Zusammen mit seinem besten Freund Lucas (Antonio Carvalho), der Science Fiction-Autor werden will, und den zwei anderen „Geeks“ Marvin (Kilian Wimmer) und Francis (Kjell Fritzenwenger) versucht Michael, seine Erfindung doch noch zu vollenden. Hilfe bekommt die nerdige Crew bald von der selbstbewussten und ehrgeizigen Holly (Ana-Barbara Kellerer), die frisch an die Schule gewechselt ist und davon träumt, die erste Frau im All zu werden.


Hauptrivale von Michael ist der eingebildete Eddie Arch (Florian Hagn, re.), der mit seinen Kumpels Wayne (Luke Brügmann, Mitte) und Huey (Tim Verbout) auf den Geeks rumhackt. Foto: DS

Um nicht (wieder) auf ihr Äußeres reduziert zu werden, kleidet sich Holly absichtlich spießig. Ganz im Gegensatz zu den Outfits der „Popular Kids“ rund um Eddie Arch (Florian Hagn) — egozentrischer Antagonist von Michael, der auf eine steile Karriere in der Firma seines Vaters aus ist – oder dem Hippie-Look der anderen Mitschüler. Eddies oberflächliche Freundin Leia (Alina Siebeneicher) samt Pink-Ladies-Gefolge Elaine (Hannah Sergel) und Samantha (Maria Manz in Zweitbesetzung an diesem Abend für Flora Schreier) schwärmen dagegen von ihrer Zukunft als Ehefrauen – oder heimlich eben nicht (Samantha).


Michael Dork (Bastian Pfeiffer) und Lucas (Antonio Carvalho, re.) sind beste Freunde, gehören aber zu den „Geeks“ der Schule. Als sie sich in dasselbe Mädchen verlieben, stellt das ihre Freundschaft auf die Probe. Foto: DS

Underdogs werden zu Helden

Wie es sich für eine Highschool-Geschichte gehört, verlieben sich gleich zwei Jungs (Michael und Lucas) in die schlaue und auch noch schöne Holly. Eifersucht macht die Lage und den Kampf um das Projekt „E-Mail“ nicht leichter. Zumal Eddie – weil er gezwungen wird, zur Militärakademie statt ins Marketing zu gehen – Holly dann auch noch mit Fotos aus ihrem „alten Leben“ erpresst, damit sie ihm die Idee von der E-Mail überlässt. Doch das Happy End und die Zukunft sind schließlich nicht aufzuhalten.


Michael (Bastian Pfeiffer) und Holly (Ana-Barbara Kellerer) kommen zusammen – besonders romantisch: die Planetarium-Szenen – und setzen sich schließlich gegen Eddie durch. Foto: DS

Freundschaft und Zusammenhalt, Liebe und Eifersucht und der brennende Wunsch nach einem „Ticket raus aus Loserville“ prägen die Handlung des Musicals, das auf der Schulbühne richtig gut funktioniert. Mit humorvollen Anspielungen auf die Star Wars-Saga und der Entwicklung der nerdigen (Neben-)Figuren zu den wahren Helden von morgen bietet die Miesbacher Inszenierung eine liebenswerte Mischung aus Witz und emotionalen Momenten.

Kreative Kostüme und Bühnenbilder


Die Fantasie der Mitwirkenden spiegelt sich in allen Szenen wider. Die Kostüme für die „Science-Fiction-Convention“ (vorne re. Erna Sergel in der Rolle der Conventionveranstalterin) sind allesamt eine Schau. Foto: DS

Die Hauptcharaktere wurden für diese Schulproduktion auf 18 Solisten erweitert. Unterstützung bekommen sie in vielen Szenen durch den großen Chor (über 40 Sängerinnen und Sänger) und die 18-köpfige Tanzgruppe in mitreißenden Choreographien (Christine Acher, Sophia Neukam). Dabei lassen sie in etlichen kreativen Kostümen die wilden Siebziger wieder aufleben – teilweise übrigens Original-70er-Jahre-Teile. Auch die fantasievollen Kostüme bei der „Science-Fiction-Convention“ sind eine Schau.

Loserville
Unterstützung bekommen die Solisten in vielen Szenen durch den großen Chor (über 40 Sängerinnen und Sänger) und die 18-köpfige Tanzgruppe in mitreißenden Choreographien, wie hier beim Song „Ticket raus aus Loserville“. Foto: DS

Nicht zu vergessen: Die hervorragende Band! Der mal energiegeladene, mal gefühlvolle, eingängige Sound zum Musical aus Pop, Punk und Rock wird live eingespielt. Besetzung: drei E-Pianos (Sarah Decrusch, Helena Kirchberger, Thori Fritzenwenger), zwei E-Gitarren (Paula Dupuis, Josepha Kohlhauf), ein E-Bass (Theo Dupuis) sowie E-Drums (Simon Töpel) unter Leitung von Musiklehrer Simon Weiß.

Loserville
Mit humorvollen Anspielungen auf die Zukunft und die Entwicklung der (Neben-)Figuren wie Marvin (Kilian Wimmer, vorne li.) und Samantha (Maria Manz re. vorne) zu den wahren Helden von morgen bietet die Miesbacher Inszenierung eine liebenswerte Mischung aus Witz und Emotion. Foto: DS

Für Spannung sorgen zudem viele Szenenwechsel, für die allesamt selbst konstruierte und kreative Kulissen immer wieder hin- und hergeschoben werden, um den verschiedenen Schauplätzen die passende Atmosphäre zu verleihen. Die beeindruckende Lichtshow (Samuel Kerksiek, Regina Hegyesi) spart ebenfalls nicht mit Effekten, inklusive der romantisch illuminierten Planetarium-Szenen von Michael und Holly.

Große Aufregung nach Verschiebung

Die vielen Solisten begeistern mit ihren Gesangsparts in eingängigen Melodien – besonders überzeugend bei der Vorpremiere: Antonio Carvalho (Lucas) und Florian Hagn (Eddie). Auch wenn manche Stimmen an diesem Abend noch etwas geschwächt wirken. Absolut verständlich, denn bei der Chorfahrt eine Woche vor der ursprünglich für den 14. Februar angesetzten Premiere, hatte die Influenza zugeschlagen.

Loserville
Abgespreizter Zeigefinger und Daumen: „L“ steht für Loser. In der Miesbacher Inszenierung von „Loserville“ gibt es jedoch keine Verlierer. Die charmante Außenseiter-gegen-Beliebte-Story kam bereits bei der Vorpremiere super an. Foto: DS

Die Aufregung aller Mitwirkenden zog sich also noch eine ganze Woche länger hin, was bei der Vorpremiere hier und da noch zu spüren ist. Der ein oder andere Einsatz geht noch mit hilfesuchendem Blick Richtung Markus Zellinger (Musikalischer Leiter) hinter dem Orchester-Vorhang einher. Doch dem Vergnügen des Publikums aus stolzen Eltern und Großeltern, Geschwistern, Lehrern und zahlreichen Mitschülern tut das keinen Abbruch. Ihr jubelnder Beifall ist der Lohn fürs monatelange Proben, Texte lernen, Bühne bauen etc.

Wertvolle Erfahrung

Loserville
Die „Lehrer-Crew“ bekam am Ende der Vorpremiere auch satten Applaus (v.li.): Simon Weiß (Leitung Band), Markus Zellinger (Musikalische Gesamtleitung), Martin Moßbacher (Regie, Inszenierung, Leitung Technikteam) und Christine Acher (Leitung Tanzgruppe, Choreographie, Inszenierung). Foto: DS

„Für mich ist auch das Schule!“, sagte Regisseur und Deutschlehrer Martin Moßbacher zum Schluss der ersten Darbietung vor großem Publikum. Es sei nicht wichtig, ob alles stimmt, sondern dass die Schüler gemeinsam dabei gewesen sind. „Eine Erfahrung, die euch keiner mehr nehmen kann.“ Mit Dankesworten Richtung Schulleitung und Kollegium, Sekretariat, Technikteam und etlichen weiteren Beteiligten freute er sich zusammen mit den Mitwirkenden auf „weitere drei tolle Aufführungen“.

Die letzte findet bereits am heutigen Sonntagabend, 23. Februar, in der Aula des Gymnasiums Miesbach statt.

Zum Weiterlesen: Wenn Geschwister Abschied nehmen müssen

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Bitte besuchen Sie uns auf