Michael Beck, interviewt von Sarah Khosh-Amoz - „Picasso, Beckmann, Turner und andere. Geschichten, die das Meer erzählt“

Das Meer kommt an den Tegernsee

Ausstellungs-Kurator Michael Beck, interviewt von BR-Redakteurin Sarah Khosh-Amoz, im Hintergrund Max Beckmanns „Bildnis eines jungen Mädchens“. Foto: IW

Ausstellung am Tegernsee

Die neue Sonderausstellung im Olaf Gulbransson Museum Tegernsee heißt „Picasso, Beckmann, Turner und andere. Geschichten, die das Meer erzählt“. Insgesamt 62 Werke aus Privatbesitz hinterlassen für etwa fünf Monate kahle Flecken an den Wänden ihrer Besitzer, um am Tegernsee viele Meere zusammenzubringen – und viele Menschen. Erwartet werden 11.000 Besucherinnen und Besucher. 

Der Ausstellungstitel verrät, dass Michael Beck, Galerist und Vorstandsvorsitzender der Olaf Gulbransson Gesellschaft, den Sternen am Kunsthimmel überm Tegernsee einen weiteren hinzusetzt: Picasso – eine Sensation! Dabei sind dessen zwei Bilder längst nicht die Wertvollsten der Sonderausstellung, die am Freitag feierlich eröffnet wurde. „Und andere“ im Titel verweist darauf, dass es noch mehr Hochkaräter der Weltkunst in der Ausstellung zu sehen gibt, die einen Bogen über vier Jahrhunderte schlägt. Die eigentliche Klammer um alle Kunstwerke ist aber das Meer – oder vielmehr das Wesen des Meeres. Es ist eine hoch philosophische Kunstausstellung, die Lust auf das Meer macht. Das Meer, das, gerade weil es nie stillsteht, eine Herausforderung für Künstler ist. Das Meer – ein Sehnsuchtsort. 

William Turner
William Turner: Off Yarmouth, um 1830. Foto: Privatsammlung

„Ich bin aufgeregt, diese wunderbaren Bilder hier zu hängen“, schwärmte Michael Beck bereits bei den Vorbereitungen zur Ausstellung. „Ich kann gar nicht sagen, welches ich am meisten mag. Eines begeistert mich mehr als das andere.“ Faszinierend ist aus der Sicht des Kurators auch, dass es so viele Weltmeere sind, die die Ausstellung zusammenbringt: von der Nordsee zur Arktis, übers Mittelmeer, den Atlantik, den Ärmelkanal, die Südsee bis hin zum See Genezareth, der auch ein Meer ist … Er habe sich bei dieser Ausstellung eine freie Hand gewünscht und es war ihm wichtig, dass sie internationalen Ansprüchen genügt und ebenso in New York oder Paris hängen könnte. Das ist ihm hundertprozentig gelungen. Aber bis kurz zuvor war es noch eine Zitterpartie, ob das ambitionierte Ausstellungsprojekt nicht an den hohen Sicherheitsanforderungen scheitert.

Neue Sicherheitsanforderungen für Picasso & Co.

Die 62 Werke bringen eine Versicherungssumme zusammen, die um ein Vielfaches die bisherigen Ausstellungen, selbst Chagall oder Gerhard Richter, übersteigt. „Wir sprechen von einer halben Million“, so Michael Beck, die schwerlich aufzubringen gewesen wäre und von großzügigen Sponsoren übernommen wurde. Erstmals gibt es eine Absperrung vor den Bilderwänden und einen 24-Stunden-Sicherheitsdienst sowie eine Videoüberwachung des Museumsareals. Das kleine Museum, eine Zweigstelle der Pinakotheken in München, wächst mit seinen Aufgaben, seit der erfolgreiche Galerist den Vorsitz der Olaf Gulbransson Gesellschaft innehat und mit jeder Ausstellung die Latte noch ein Stück höher hängt. Denn für die viel beachteten Weltkunstausstellungen sind nicht die Pinakotheken zuständig, sondern die Olaf Gulbransson Gesellschaft.

Picasso - Beckmann - Turner
Für Max Beckmanns „Bildnis eines jungen Mädchens“ wurde extra eine Wand eingezogen. Foto: IW

Die aktuelle Sonderausstellung zeigt wieder ausschließlich Werke aus Privatbesitz. „Das ist das Alleinstellungsmerkmal“, so Michael Beck, „und es scheint ein guter Stern über uns zu stehen, bisher haben wir alle Werke ausleihen können, die wir haben wollten.“ Betritt man die Ausstellung, läuft man geradewegs auf die alten Meister aus dem 17. Jahrhundert zu, auf Canaletto und William van der Velde, zu denen sich ein Werk William Turners gesellt und eines von Egon Schiele. „Wir wollten, dass hier etwas Neues passiert und die Gäste neugierig werden“, so Michael Beck. „Dass sie zuerst genau hinschauen, mit welcher Präzision die alten Meister das Meer gezeichnet haben, bevor sie zu den farbexplosiven Abstraktionen der späteren Epochen weiter gehen.“

Die „anderen“ – von Matisse bis Nolde

Mit einer großen Bleistiftzeichnung der Gegenwartskünstlerin Li Trieb aus dem Jahr 2017 schließt sich der Bogen, den die Ausstellung beschreitet. Mit nahezu altmeisterlicher Präzision hält sie vier Jahrhunderte später den Ausschnitt einer bewegten Wasseroberfläche in 360.883 Minuten gezeichneter Zeit fest. Dazwischen hängen etwa 60 Bilder namhafter Künstler wie Pierre-Auguste Renoir, Henri Matisse, Pablo Picasso, August Macke, Emil Nolde, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Max Beckmann und Robert Motherwell. „Und es sind zauberhafte Werke zum Verlieben dabei“, so Michael Beck.

Picasso Quatre poissons 1922 © Succession Picasso/ VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Eines der beiden Werke von Picasso: Quatre poissons, 1922. Foto: © Succession Picasso/ VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Ins Meer verliebt oder von ihm auf eine begeisterte oder ehrfurchtsvolle Weise fasziniert waren die Künstler allesamt. Nicht nur ihre Werke erzählen Geschichten vom Meer, auch sie selbst haben in Tagebüchern und Briefen ihre Beobachtungen des Meeres festgehalten. Anhand vieler Zitate erhalten die Besuchenden der Ausstellung nun einen Eindruck des Wesens der Weltmeere aus Künstlersicht: Bei Max Ernst etwa ist das Meer „das Tor zu einer anderen Realität … die wir niemals ganz begreifen können“. Für Nicolas de Staël ist „das Meer … wie ein Gemälde, das ständig seine Farben und Formen verändert“, für Paul Klee nicht nur ein Ort, „sondern ein Zustand des Seins“. Lyonel Feininger liebt das Meer „in seiner ganzen Weite und Freiheit“ und Félix Vallotton kann sich „ganz dem Schweigen und der Tiefe widmen, die das Meer ausstrahlt“.

Blick in die Ausstellung: „Ocean Park #44“ von Richard Diebenkorn (1922 - 993)
Blick in die Ausstellung: „Ocean Park #44“ von Richard Diebenkorn (1922 – 1993). Foto: IW

Folgt man der Ausstellung im Uhrzeigersinn, gelangt man vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart, wobei nicht alle Werke streng dem Zeitstrahl folgen. Immer wieder bilden sich spannende Querverweise und stilistische Sichtachsen. Gegen Ende der Ausstellung kommt man in der Gegenwartskunst an. Vor einer blauen Wand hängt das wertvollste Werk: das raumhohe Bild „Ocean Park #44“ Richard Diebenkorns, welches nur einen schmalen Streifen Meeres zeigt, über die Häuser der Stadt hinweg vom Atelier des Künstlers aus betrachtet. „Wir möchten, dass die Leute durch die Ausstellung hindurch gehen und genau schauen und dabei selbst eine Reise machen über die verschiedenen Meere – hier mit dem Tegernsee in Sichtweite“, so Michael Beck.

Laudatio von Florian Illies 

„Das Meer – es ist ein Ort der Sehnsucht und der Urgewalten, in seiner Tiefe lagern Schätze und Ungeheuer“, schreibt Florian Illies im Katalog zur Ausstellung. Dass Michael Beck den bekannten Autor und Kunsthistoriker als Laudator zur Vernissage an den Tegernsee locken konnte, wertet er als Zeichen dafür, dass das kleine Olaf Gulbransson Museum mit seinem ungewöhnlichen Konzept – Weltkunstausstellungen ausschließlich aus Privatbesitz zu zeigen – mittlerweile in der Liga der großen Museen angekommen ist. „So zeitlos das Meer ist, so zeitlos ist es als Thema, wie in einer ewigen Wellenbewegung kehren die großen Themen in allen Jahrhunderten wieder“, so Florian Illies zur Ausstellung. „Keines der zentralen Gefühle wird je über Bord geworfen: Es geht also um Sehnsucht in diesen Bildern, das vor allem, es geht um Abschied, um Hoffnung, um Angst und Ohnmacht.“

Lyonel Feininger © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Lyonel Feininger figürlich und karikaturnah: On the Shore of our Sea, Julia Dear!, 1911. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

„Die Werke aus Privatbesitz machen, konservatorisch gesehen, einen Erholungsurlaub bei uns“, so der Galerist. „Hier haben sie gleichbleibende Temperaturen und Luftfeuchtigkeit, bevor sie wieder in die Privaträume zurückgehen.“ Normalerweise sei es für Sammler ein zumutbarer Zeitraum, etwa drei Monate auf ihre Werke zu verzichten. Umso mehr freuen sich Michael Beck und die Olaf Gulbransson Gesellschaft, dass die Ausstellung bis zum 20. Juli in Tegernsee zu sehen sein wird. Die angepeilte Marke sind 11.000 Gäste, damit alle Kosten gedeckelt sind.Nicolas de Staël © Privatsammlung
Nicolas de Staël: Barques dans le port, 1955. Foto: © Privatsammlung

„Für einige Zeit haben wir das große Privileg, von Bild zu Bild gehen zu können und zu erforschen, wie die verschiedenen Künstler das Meer erleben und darstellen“, erläutert Michael Beck. Ihn würde freuen, wenn die Gäste, nach dem Besuch der Ausstellung das nächste Mal am Meer stehend, an das eine oder andere Bild zurückdenken – an das „Meer in den Bergen“.

Ausgehend von „Marc Chagall. Eine Liebesgeschichte“ (2021) holte Michael Beck Werke „Von Renoir bis Jawlensky“ (2022) , mit „Der Andere Blick“ Werke von Hodler, Dix, Kiefer, Cahn und weitere (2023) und schließlich Gerhard Richter (2024) und Christian Rohlfs (2024/25) an den Tegernsee. 

Die Ausstellung „Picasso, Beckmann, Turner und andere. Geschichten, die das Meer erzählt“ ist täglich außer Montag bis zum 20.07.2025 zu sehen. Das Rahmenprogramm mit Führungen und Face-to-Face-Gesprächen entnehmen Sie der Webseite des Museums. Die Olaf Gulbransson Gesellschaft e.V. Tegernsee bietet einen exklusiven Katalog zur Ausstellung an, mit einem Essay von Florian Illies, Kunsthistoriker, Autor und Mitherausgeber der ZEIT. Preis: 29,80 Euro

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