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Uli Wiesmeier: Der Berg in allen Facetten
Uli Wiesmeier: Südliche Civetta, Dolomiten, Italien, 2014. Foto: Uli Wiesmeier/Knesebeck Verlag München
Buchempfehlung der Redaktion
Mit Fünfzehn die Kamera des Vaters für erste Bilder geklaut – mit Zwanzig bereits berühmter Bergfotograf. In Uli Wiesmeier brennt eine lebenslange Leidenschaft für die Berge. In seinem herausragenden Bildband zeigt er Bergwelten, wie sie noch nie zu sehen waren.
Aus etwa 40 Begriffen, die Uli Wiesmeier zum Thema Berg sammelte, hat er seinen beeindruckenden Bildband in 16 Rubriken unterteilt. Alle starten mit dem Präfix BERG. Es sind Bergbegriffe, deren fotografische Interpretation ihn reizte. Mit jedem seiner ausdrucksstarken Fotos fordert er den Betrachter und dessen vertrautes Bild der Alpen heraus. Indem er jeweils Gegensätze gegenüber stellt, zeigt er vertraute Zusammenhänge, ungewohnte Perspektiven und heikle Reibungspunkte auf. Er beschreibt die Bergwelt und ihre Menschen aus einem einzigartigen Blickwinkel – und erzählt damit Geschichten.
Uli Wiesmeier: Pfurnsee, Stubaier Alpen, Südtirol, Italien, 2015/2016. Foto: Uli Wiesmeier/Knesebeck Verlag München
Den weltweit gebuchten Fotograf beunruhigt schon lange, dass der Mensch nicht mehr umzugehen weiß mit den Bergen, dass er den Respekt verliert. Der Berg – ein Fun-Park? Zunächst einmal ohne zu werten, stellt er die Ursprünglichkeit der Berge den menschgemachten Bergwelten gegenüber – die höchst eindrücklichen Bilder sprechen für sich selbst. Bergeseen, sagt er beispielsweise, sind die Augen der Berge. Speicherseen hingegen sind tote Augen, wie Glasaugen. „Eventlocations“ wirken ebenso bizarr und beklemmend wie Skiliftanlagen im Sommer.
Uli Wiesmeier: Speichersee Rosskopf, Stubaier Alpen, Südtirol, Italien, 2015/2016. Foto: Uli Wiesmeier/Knesebeck Verlag München
Uli Wiesmeiers Fotos sprechen eine respektvolle, aufmerksame Sprache. Lassen den Betrachter still werden, verzaubern. Schönwetterfotografie hat er nie betrieben. Wenn der Wetterbericht Regen und Nebel ansagt, geht er hinaus. Gefriert die mächtigen Naturelemente auf den Bilder ein.
Architektur und Bergketten
Schroffen Bergketten stellt er Architektur gegenüber. BERGspitze heißt das Kapitel. Dolomitengipfel neben den Skylines Manhattens. BERGhütten hat er von Innen und außen fotografiert. Er möchte ein Gefühl des „behaustseins“ weitergeben. Und den ersten, erhabenen Blick eines Bergsteigers am Morgen aus dem Fenster hinaus auf die Berge. Es sind hochpoetische Bilder.
Feinfühlige Porträts der Protagonisten der Berge – im Gespräch mit Hajo Netzer. Foto: Ines Wagner
Menschen porträtiert der Bergfotograf ebenso eindrucksvoll wie der Berge. Es liegt viel Ruhe in den Bildern, Bewunderung und Respekt. Den BERGbauern stellt er jeweils ein charakteristisches Werkzeug gegenüber, wie Heubläser und Schafschere. Mit Gegenständen, die sie im Alltag charakterisieren, porträtiert er die BERGsteiger mit einer guten Portion Humor auf dem Gipfel. Die BERGretter stellt er mit ihrem Tagwerk vor, das sie bei einem Notruf stehen und liegen lassen. In den Gegenüberstellungen von BERGtourismus und BERGsport ist auch eine Spur leisen Zorns enthalten.
Bewegende Bild und Textsprache
In seinem Bildband schafft Wiesmeier ein unverstelltes und ungefiltertes Porträt der Berge und ihrer Akteure. Komplex und facettenreich bewegt sich seine Bergfotografie in außergewöhnlicher Bildsprache. Dazu gibt es begleitenden Essays von Bergschriftsteller Stefan König. In seinem Dialog mit Uli Wiesmeier erfahren die Leser über den Zustand der Berge und die Veränderungen, denen sie ausgesetzt sind.
Bergführer Hajo Netzer aus Reitham ist als Vertreter Deutschlands in Uli Wiesmeiers Bergbuch. Foto: Ines Wagner
Auf das Buch aufmerksam gemacht hat uns Hajo Netzer aus Reitham. Der staatlich geprüfte Bergführer ist seit Jahren weltweit auf Bergexpeditionen unterwegs. Er ist einer der BERGführer aus fünf Nationen, die Uli Wiesmeier in seinem Buch zeigt. Die ihm gegenüber liegende Seite zeigt seinen „Gast“ am Berg, am Sicherungsseil, auf einer Tour am Jubiläumsgrat im Wettersteingebirge. Wie Uli Wiesmeier dreht sich in Netzers Leben alles um die Berge. Im Deutschen Alpenverein betreut der Sozialpädagoge den Behindertensport.
Als einer der meistgebuchten Bergfotografen hat Uli Wiesmeier viele Jahre in der Werbebranche gearbeitet. Schon immer galt er als kreativer Unruhestifter der Bergfotografie. Mit seinem umfassenden, facettenreichen Bildband legt er nun eine Bilanz seines bisherigen Schaffens vor, die zugleich eine Liebeserklärung ist. Heute fotografiert er nur noch die Berge, wie er sie sieht. Er möchte nicht mehr in der Werbebranche fotografieren, nur noch frei arbeiten.
Buchcover. Foto: Knesebeck Verlag München
Diejenigen, die nur die Rendite und das Kommerzielle sehen, würden viel am Berg übersehen, meint Uli Wiesmeier. Für ihn ist der Berg Tankstelle, Kirche, Turnhalle, ist vieles. Ist sein Leben.